Vignetten V
Ein weiteres Mal stellt Ármann Reyninsson das Leben in seiner abwechslungsreichen Erscheinungsform vor. Nun steht die Vielseitigkeit im Mittelpunkt, mit Betonung auf zeitgemäβer Bibelinterpretation, sowie auf überraschende Ereignisse in Islands Kirchen. Vignetten V ist ein schillerndes Buch, und der Text überrascht ebenso wie die vorangegangenen Bücher des Autors.
Titel des Buches: Vinjettur V – Vignettes V – Vignetten V
© Ármann Reynisson 2007
Doppelsprachige Ausgabe Isländisch-Englisch
Übersetzung ins Englische: Martin Regal
Kunstwerk auf dem Titel: Hulda Hákon
Design: Guðmundur Oddur Magnússon
Foto Titelbild: Kristján Maack
Lektorat: Sigrún Árnadóttir
Umbruch: Pjaxi
Druck: Delo Tiskarna, Slovenia (Isl.-Engl.)
Herausgeber: ÁR-Vöruþing ehf., Súðarvogur 38, IS – 104 Reykjavík
ISBN: 9979-9595-3-3
Doppelsprachige Ausgabe Isländisch-Deutsch
Übersetzung ins Deutsche: Gudrun M. H. Kloes
Gedruckt in Deutschland
Herausgeber: August von Goethe Literaturverlag, Frankfurt am Main
ISBN: 3-86548-580-4
ISBN: 978-3-86548-580-9
Sowohl in deutscher, als auch in der originalen isländischen Sprache präsentiert, reflektieren diese 43 Geschichten einerseits zeitlose isländische Bräuche, anderseits jedoch das heutige Wissen eines Weltbürgers und sein Interesse am Zeitgeschehen. Und weil diese Geschichten sich auf Momente des wirklichen Lebens konzentrieren, fangen sie zugleich jene feinen Fäden ein, die uns alle verbinden.
Kommet zu mir
(...) Spät abends kommt regelmäβig ein zerlumpter Mann mit hängenden Schultern und einem Beutel auf dem Rücken zum Gotteshaus. Er hinkt die Kirchentreppen hoch, legt sich quer vor die Tür und schmiegt sich dicht an sie. Das Gesicht verbirgt er in der einen Ecke und legt beide Hände unter den Kopf. Da ruht der Obdachlose wie ein Kind in den Armen der Mutter, bei jedem Wetter – dort ist sein Platz für die Nacht. Niemand kennt seine Gedanken und Träume, noch die Hintergründe seines Schicksals oder der Wahl des Schlafplatzes. Früh am Morgen wankt der Bettler davon und verschwindet in der Menschenmenge.
Die Kinderrevolte
(...) Mit der Zeit steigern sich Unzufriedenheit und schwache Schulleistung unter den Kindern des Freistaates. Sie werden daheim und auβer Hause aufsässig und beginnen, sich in die Traumschule zu schleichen. Der Zustand wird unkontrollierbar, der Unterricht wird zum Chaos, die Eltern in den rebellischen Heimen geben schließlich auf. Eine Bürgerversammlung zum Problem wird gehalten, wo die unverzügliche Vereinigung mit den Nachbarn gefordert wird und die Aber-Sager übertönt werden. Nach der Versammlung geht der Freistaat rasch in der Gesamtheit auf.
Torfĉruakstur
Ein alter Allradkempe lud seine Geliebte, die keinerlei Interesse an dieser Disziplin hat, zu einer Autofahrt ein. Sie klettert in den Jeep mit riesengroßen Reifen und macht es sich auf dem Sitz neben dem Fahrer bequem und legt den Sicherheitsgurt an. Es geht zu Sandflächen am Ufer des Stromes, und das Pärchen genießt es, die rasende Strömung in der Dämmerung zu beobachten. Das Mädchen ist wortkarg und lauscht den Ruhmesgeschichten des Fahrers, der ohne Unterlaß spricht, denn er hat genug Stoff. So geht es eine gute Weile, doch am Ende langweilt sie das Geschwätz, und sie ist von Allem genervt. Der Chaffeur spürt das Befinden seiner Freundin und sagt ohne nachzudenken: “Nun heitere ich dich auf, Liebes.”.
Mývatn
Die Anmaßungen müssen beendet werden, und was der Natur entnommen wurde, muß korrigiert werden, für jene, die das Land erben werden – falls es überhaupt möglich ist? Irgendwo in diesem Paradies verbirgt sich eine hausgemachte Vernichtungswaffe, zur Verteidigung bereit.
Einbruchsversuch
(...) Der siegreiche Ehemann findet, daß er ein Vielfaches an Kraft errungen habe, die eine Weile vorhalten wird. Die begeisterte Ehefrau erregt sich über ihren Helden, der noch dazu wirkt, als habe er massenweise Sexappeal gewonnen. Sie sind bis zum frühen Morgen unersättlich.
Die lustige Witwe
(...) Eine gewisse Frau verliert ihren Mann nach glücklicher, aber farbloser Ehe. Sie war lange mit Essenkochen und Gästeempfängen an das Haus gebunden gewesen, während der Ehemann sich in Politik und dazugehörender Geschäftemacherei umtrieb. Die Kinder überrollen sie eines nach dem anderen mit Ansprüchen und endlosem Babysitten. Wenig bis keine Zeit bleibt für Vergnügungen, schon gar nicht für Tanzveranstaltungen, nach denen die Frau sich die ganze Zeit sehnt.
Die wilde Witwe
(...) Die wilde Witwe, wie sie genannt wird, löst am Ende Weltrummel aus, wie sie ihn so lange erstrebt hatte. Sie wird von einem ihrer Lieblingshunde in den Hals gebissen und verblutet in ihrem Bett.
Das Abitursfest
Eineiige Zwilligen können einander so ähnlich sein, daß es Fremden schwer fällt, sie auseinander zu halten, selbst engsten Freunden oder gar Ehefrauen. So verhält es sich mit Brüdern, die sich entschließen den Bildungsweg einzuschlagen, um die ehrgeizigen Wünsche ihrer Eltern zu erfüllen. Sie machen ihre Sache in einem ehrwürdigen Gymnasium ordentlich, erhalten gute Noten und beteiligen sich aktiv am Vereinsleben. Wenn es ihnen paßt vertauschen sie die Rollen, ohne daß irgend jemand Verdacht schöpft, und das scheint besonders praktisch in Frauensachen. In jenen Fächern, in denen mündlich geprüft wird, gehen sie zur Arbeitsteilung über und treten an der Stelle des anderen an, um die besten Noten zu erhalten. Das geht so die ganzen Jahre, und sie werden für ihre Tüchtigkeit bewundert und sind unter Lehrern und Schülern beliebt.
Tobsuchtsanfall
(...) Da erkrankt der Geschäftsführer und muß seine Arbeit aufgeben, doch zwingt er den Sohn zugleich, seinen Stuhl einzunehmen. Am ersten Tag allein mit der Verantwortung auf den Schultern ist es, als ob sich eine dunkle Wolke über seine Gedanken ergießt und dort haftet. Der verzweifelte Mann packt in seiner Not sein Schrotgewehr und das des Vaters, ladet sie und rast über den Marmorboden, ohne zu wissen, was zu tun sei. Entlang der Wände sind fein geputzte Glasregale, und darauf stehen Muster schöner Importwaren, die in allen Regenbogenfarben glänzen. Alles verwischt sich, der Mann verliert den Verstand und beginnt mit beiden Gewehren ohne Unterlaß zu schießen und zu schießen, von einem Ausstellungssaal zum anderen. Die Waren zerspringen in Millionen Glassplitter mit dazugehörigem Krachen, und die Bruchgeräusche sprudeln über den Boden wie ein Quellfluß. Als die Schüsse verbraucht sind, legt sich der Mann auf den Glashaufen und schwimmt im klaren Wasser hinaus in die Freiheit. Er schließt sich der städtischen Müllabfuhr an.
Höfundarréttur © 2001 Ármann Reynisson