Vinjettur VIVignetten II

Das Buch Vinjettur II entführt seine Leser zu einer abenteuerlichen, oftmals unverhüllten Reise. Sie ist angefüllt mit sensiblen, schönen Augenblicken, mit Einsicht in die menschliche Natur. Mit diesem Buch brilliert der Autor und beschreibt Szenen im In- und Ausland. Seine Geschichten führen die Leser von einem Ereignis zum anderen und bilden einen Widerhall seiner Erlebniswelt. Mit wenigen Worten werden klare Bilder beschworen. Diese Vignetten sind wie knappe Theaterszenen. Der bildhafte Text eignet sich gut zum Vorlesen.

Titel des Buches: Vinjettur II –Vignettes II
Autor: Ármann Reynisson
Doppelsprachige Ausgabe Isländisch-Englisch
Übersetzung ins Englische: Martin Regal
Kunstwerk auf dem Titel: Arngunnur Ýr
Design: Ámundi Sigurðsson
Druck: Delo Tiskarna, Slovenia
Herausgeber: ÁR – Vöruþing ehf., Súðarvogur 38, 104 Reykjavík
ISBN: 9979-60-766-1

Textproben: Übersetzung Gudrun M. H. Kloes

Das Tulpenfest

Der Festtag zieht naβkalt herauf, wie meistens, die Landeskinder erscheinen nachmittags, nehmen Schwarzen-Tod-Schnaps und vergorenen Hai entgegen, am Abend kommen die Auserwählten fein gekleidet zum Essen. Man setzt sich an den kunstvoll mit farbenfrohen Tulpen dekorierten Tisch. Die Frau des Botschafters, die die Feiertagstracht trägt, hält eine erfrischende Rede, die den Geist erhebt. Sie spricht u.a. vom Nährwert der Tulpen, die Nationalgericht sind und eine groβe Rolle in der Lebensqualität des Heimatlandes spielen. Sie erhebt danach das Glas, stöβt auf ihre Heimat an und lädt die Gäste ein, die Blumen vor ihnen zu verspeisen und dem Essen herzhaft zuzusprechen.

Caronía

Der blaue Sund zeigt sein Bestes, die Brise hat sich frei genommen, die Sonne spielt am wolkenlosen Himmel, und die Berge sind in der klaren Luft gut zu sehen. In diese Welt läuft ein stattliches Kreuzfahrtschiff zu seinem jährlichen Besuch in Reykjavík ein, während der Kalte Krieg herrscht und der Export nach Island von Kontrollen und Verboten abhängt. Island ist abgelegen, und wenige Touristen erreichen das nördliche Land, das in der Welt kaum bekannt ist und noch lange nicht in Mode. In der Eintönigkeit ist der Sommerbesuch willkommen, der Auβenhafen verändert sein Aussehen und bekommt ein internationales Aussehen.

Liebe und Fußball

Wenn sie in die Umzugskabinen kommen, gehen die verschwitzten Spieler unter die Dusche, und bei den Mannschaften bricht dann eine Null-zu-Null-Freude aus. Gegner fallen sich in die Arme und küssen sich innig, während das Wasser ununterbrochen auf sie herunterrinnt. Die Körper sind elektrisiert, und die Nägel dringen tief in die weichen Rücken der Kameraden ein, und Zebrastreifen werden hineingekratzt, während den Gefühlen freier Lauf gelassen wird.


Heldentat

Die schwarzen Klippen bogen sich mächtig und furchterregend gegen die Schiffsbrüchigen, die sich auf dem Dach der Kommandobrücke versammelt und sich am Mast festklammerten. Die Hoffnung auf Rettung hielt sie lange am Leben und bei Kraft. Sie warteten und warteten endlos, und das Schiff zersplitterte zu ihren Füβen in einem fort. Ohne Unterlaβ schlugen die Brecher über den Kameraden zusammen, die nach und nach den Halt verloren und einer nach dem anderen im nassen Grab versanken. Einer der Schiffsbesatzung hielt seinen Lebensmut allein durch Starrsinn
aufrecht, während die Gedanken in der Wärme bei der Frau und den Kindern weilten, die in Verzweiflung daheim warteten.

Weihnachten in den Fischgründen Islands

Kurz vor den Feiertagen wird ausgefahren, um Fisch für den Nationalhaushalt zu fangen. An Bord befinden sich gestandene Seemänner mit ernster Miene, im Gesicht gezeichnet von Jahrzehnte langem Daseinskampf, sowie in Jugendlicher auf seiner ersten Fahrt. Der Himmel ist aufgewühlt, und kalter Nordsturm weht, das Meer ist rau und das Tageslicht schwach; das Leben auf dem Trawler nimmt seinen alltäglichen Verlauf, wie sonst auch.

Die Hochleistunsmannschaft macht Diät

Um Weihnachten und Neujahr verliert so Mancher die Kontrolle, verschlingt
abwechslungsreiche Feiertagskost, Konfekt, Plätzchen mit dazugehöriger Limonade und Wein. Dieses Verhalten führt dazu, dass die Leute sich nicht bewegen wollen, faul daliegen und Extrapfunde ansetzen; die Gangart wird hölzern, und der Neujahrsvorsatz besteht darin, wieder in Form zu kommen.

Die Geburtstagsparty

Ein Höhepunkt ihrer Karriere war es, einem bekannten Popmusiker, mit dem sie eng befreundet war, eine Geburtstagsparty auszurichten. Die Diplomatin zog ein anliegendes Glitzerkleid an und glich an ehesten Marilyn Monroe im ganzen Verhalten und Ausdruck. Sie heimste für eine geniale Rede Lob ein, Bewunderung für das Auftreten und das himmlische Parfüm, doch die Beine beeinträchtigten die Perfektion.

Liebe und Kaminfeuer

Der Tag vergeht und die Gesichter erhalten eine kaffeebraune Färbung, die Augen strahlen vor Glück und der Geist entflammt. Nach und nach spüren sie ein starkes Bedürfnis nach engerem Beisammensein, das sie schliesslich in eine  Blockhütte treibt, die vom Kaminfeuer beheizt wird. Sie entledigen sich der Schuhe und der Kleidung, umschlingen sich und sinken nackt und drahtig auf ein Bärenfell hinab.

Geistige Umnachtung

Jetzt bin ich Björk und gehe im Schwanenkleid durch die Strassen der Stadt und lege Eier. Die Passanten starren mich mit Begeisterung an, und die Pressefotografen verfolgen mich unablässig. Ich stehe völlig im Mittelpunkt und erblinde fast im Blitzlichtgewitter. Meine Schallplatten verkaufen sich zu Millionen in der ganzen Welt, ich lebe davon, ein weltberühmter Popstar zu sein. Ich verbreite die Botschaft der Natur nach Frieden durch meine Band, um die Welt zu erfreuen, denn ihr Unglück geht mir nah und sie braucht dringend Liebe.

Der Bankenkrach

Die Zeiten ändern sich, und finanzschwache Rentenfonds sowie arme Bürger fordern Inflationssicherung und Zinsen für ihre Rücklagen. Das war mehr, als das alte System verkraftenkonnte, und sprengte die Bank in der Nachfolge in die Luft. Um die Sache zu retten, wurden der Staatskasse Millionen und Abermillionen entnommen, um die Forderungen zu begleichen. Deswegen zahlte bei dem Bankrott niemand darauf, abgesehen von jedem einzelnen Steuerzahler des Landes.

Der Tod und der Papierwolf

Da geschah es, dass der Direktor des Finanzamtes seinen Besuch in der Zentrale des Wirtschaftsgiganten ankündigte und sich die Buchführung seiner Firmen bis ins letzte Detail ansehen wollte. Daher wurde beschlossen, die gesamte Betriebswirtschaft reinzuwaschen. Der Besitzer engagierte seine Steuerberater, und gemeinsamwüteten sie verschwitzt und erschöpft in Mappen und Dokumenten, sortierend, was gezeigt werden kann und was vor dem Besuch vernichtet werden sollte.

Notlandung

Die Passagiere waren fröhlich, als sie an Bord des Jets stiegen und es sich in den weichen Sitzen mit Hilfe der Besatzung bequem machten. Die übliche Stimmung herrschte an Bord, als die Sicherheitsmassnahmen sorgfältig vorgetragen wurden. Alles war startklar, und die Leute atmeten tief ein, als die Maschine die Startbahn entlangbrauste und sich langsam und sicher im milden Wetter in die Luft hob. Man genoss die Aussicht über Zürich, danach stille Seen und falbe Felder, später tauchten die Alpen auf, blauweiss und gipfelig.

Zwillinge

Man geniesst das süsse Leben im Fenster der Welt in der obersten Etage über den Wolken. Die Probleme des Tages sind vergessen, als die Köstlichkeiten aufgetragen werden. Man blickt über das Schachbrett New Yorks, wo die Dame die Freiheitsstatue ist, der König das Gebäude der Vereinten Nationen und die Bauern aus einem Wald aus Eisen, Stahl und Beton bestehen und alle Beteiligte sind. Das Weltschach wird von unterschiedlich guten Spielern gespielt, und die Schachuhr tickt ohne Unterlass. Tief drinnen träumen wir von einer besseren Welt und Zukunft für kommende Generationen.

 
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Höfundarréttur © 2001 Ármann Reynisson